Von der Schulbank in die Forschung: Schüler:innen untersuchen den Übergang von Schule zu Studium
02.10.2026
Wie entwickelt man eigentlich eine wissenschaftliche Forschungsfrage? Wie entsteht aus einer ersten Vermutung ein empirisches Forschungsprojekt? Und was lässt sich aus Daten tatsächlich herauslesen?
Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Eingangsklasse des Sozial- und Gesundheitswissenschaftlichen Gymnasiums an den Beruflichen Schulen Kehl am Ende des Schuljahrs 2025/26 im Rahmen der Bildungsplaneinheit Forschungsansätze und Methoden. Dabei blieb es nicht bei theoretischen Grundlagen: Unter Leitung ihrer Pädagogik/Psychologie-Lehrerin Madeleine Rozsa und in intensiver Kooperation mit Jun.-Prof. Dr. Cora Parrisius von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe entwickelten die Schüler:innen eigene Forschungsprojekte und erhielten die Möglichkeit, einen vollständigen Forschungsprozess selbst zu durchlaufen – von der Entwicklung einer Fragestellung über die Datenerhebung bis hin zur statistischen Auswertung und Interpretation der Ergebnisse.
Im Mittelpunkt des gemeinsamen Forschungsprojekts stand ein Thema, das für die Schüler:innen zugleich eine ganz persönliche Perspektive eröffnete: der Übergang von der Schule in ein Studium. Wie erleben Studierende diesen neuen Lebensabschnitt? Welche Veränderungen nehmen sie wahr? Und welche Faktoren können den Übergang erleichtern oder erschweren?
Eingeteilt in insgesamt fünf Schüler:innengruppen entwickelten diese zu unterschiedlichen Aspekten des Übergangs eigene Forschungsfragen und Hypothesen. Anschließend wurden geeignete Fragen für einen gemeinsamen Fragebogen erarbeitet.
Für die Datenerhebung ging es schließlich direkt an die Pädagogische Hochschule in Karlsruhe. Im Rahmen einer Exkursion befragten die Schüler:innen dort Lehramtsstudierende zu ihren persönlichen Erfahrungen beim Übergang von der Schule in das Studium. Auf diese Weise wurde das Forschungsprojekt zugleich zu einer besonderen Form der Studienorientierung: Die Schüler:innen erhielten nicht nur Einblicke in wissenschaftliches und forschendes Arbeiten, sondern konnten auch unmittelbar mit Studierenden ins Gespräch kommen und die Hochschule als Lern- und Studienort kennenlernen.
Insgesamt beteiligten sich 232 Studierende aus den ersten Semestern der Lehramtsbachelorstudiengänge an der Befragung. Das durchschnittliche Alter der Befragten lag bei 20,81 Jahren. Von ihnen studierten 60,79 % Grundschullehramt und 38,77 % Lehramt für die Sekundarstufe I. 75,98 % der Befragten gaben an, weiblich zu sein.
Nach der Datenerhebung begann die nächste Phase des Forschungsprozesses: die Auswertung. Gemeinsam mit Jun.-Prof. Dr. Cora Parrisius analysierten die Schüler:innen ihre Daten und gingen der Frage nach, ob sich ihre zuvor formulierten Hypothesen bestätigen lassen.
Dabei wurde deutlich, dass empirische Forschung weit mehr bedeutet, als lediglich Antworten zu sammeln. Daten müssen aufbereitet, Ergebnisse sorgfältig interpretiert und mögliche Zusammenhänge kritisch hinterfragt werden. Die Schüler:innen konnten so unmittelbar erfahren, wie wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen – und dass Forschung auch bedeuten kann, von den eigenen Erwartungen überrascht zu werden.
Die Kooperation verband damit drei Perspektiven auf besondere Weise: fachliches Lernen im Unterricht, authentisches wissenschaftliches Arbeiten und Studienorientierung. Aus einer Bildungsplaneinheit wurde ein Forschungsprojekt, das die Schüler:innen aus dem Klassenzimmer an die Hochschule führte und ihnen ermöglichte, selbst forschend tätig zu werden.
Ergebnisse der fünf Forschungsprojekte:
Was macht Studierende eigentlich aus? Fünf Fragen, fünf Forschungsergebnisse
Sind Frauen im Studium gestresster? Hilft ein gutes Abitur bei der Nutzung von KI? Und wer in der Schule gerne gelernt hat – lernt diese Person auch im Studium motivierter?
Diesen und weiteren Fragen gingen die Schüler:innen im Rahmen ihres eigenen Forschungsprojekts nach. Dabei zeigte sich: Manche Vermutungen bestätigten sich. Andere Ergebnisse fielen überraschender aus. Und eine Forschungsgruppe musste sogar mit einem Ergebnis umgehen, das ihre Hypothese weder bestätigte noch widerlegte. Genau das macht empirische Forschung aus.
Stress? Ja. Aber auch Strategien dagegen.
Die erste Forschungsgruppe nahm den Übergang von der Schule ins Studium unter die Lupe: Empfinden weibliche Studierende eine stärkere Stresssteigerung als nicht-weibliche Studierende?
Die Antwort lautet: Ja – zumindest in dieser Befragung.
Auf der Skala von 1 bis 5 lag das mittlere Stressempfinden bei den weiblichen Studierenden bei 3,66, bei den nicht-weiblichen Studierenden bei 3,42. Der Unterschied von 0,24 Punkten war statistisch signifikant (p = 0,01). Die Hypothese der Schüler:innen konnte damit bestätigt werden.
Doch Stress war nicht die einzige Seite der Medaille. Eine zweite Gruppe fragte sich, ob weibliche Studierende gleichzeitig auch häufiger zu Stressbewältigungsstrategien greifen.
Auch hier zeigte sich ein Unterschied: Weibliche Studierende erreichten im Mittel 3,70 Punkte, nicht-weibliche Studierende 3,39 Punkte. Mit einem p-Wert von < 0,001 war auch dieser Unterschied statistisch signifikant.
Das bedeutet: In der untersuchten Gruppe berichteten weibliche Studierende nicht nur mehr Stress, sondern auch eine stärkere Nutzung von Strategien, um damit umzugehen – beispielsweise bewusst Zeit für Freizeit und Erholung einzuplanen.
Gutes Abi, mehr KI? Nicht unbedingt.
Künstliche Intelligenz gehört inzwischen selbstverständlich zum Studienalltag. Aber hat die schulische Leistung etwas damit zu tun, wie aufgeschlossen Studierende gegenüber KI sind?
Die dritte Gruppe ging genau dieser Frage nach. Die Schüler:innen vermuteten, dass Studierende mit einem überdurchschnittlichen Abitur stärker auf KI zugewandt sein könnten.
Das Ergebnis war statistisch signifikant – aber der Unterschied fiel anders aus, als man erwarten könnte.
Studierende mit überdurchschnittlichem Abitur erreichten bei der Zugewandtheit zu KI im Mittel 2,56 Punkte, Studierende mit unterdurchschnittlichem Abschluss 2,77 Punkte. Der Unterschied betrug 0,21 Punkte (p = 0,029).
Die Hypothese wurde damit bestätigt, allerdings lohnt sich ein genauer Blick auf die Richtung des Unterschieds: Die Daten zeigen eine etwas höhere KI-Zugewandtheit in der Gruppe mit dem niedrigeren Abiturabschluss.
Ein schönes Beispiel dafür, dass Forschung nicht nur darin besteht, die eigene Vermutung bestätigt zu sehen – sondern auch darin, unerwartete Ergebnisse ernst zu nehmen.
Wer gerne lernt, lernt gerne weiter?
Eine besonders interessante Frage stellte sich die vierte Forschungsgruppe: Bleibt Lernmotivation über den Übergang von der Schule ins Studium hinweg bestehen?
Hier ging es nicht um einen einfachen Vergleich zweier Gruppen, sondern um einen statistischen Zusammenhang.
Die Studierenden bewerteten ihre Lernmotivation während der Schulzeit im Mittel mit 3,24 Punkten, im Studium mit 3,36 Punkten. Zwischen beiden Angaben zeigte sich ein positiver Zusammenhang von r = 0,22 (p = 0,001).
Kurz gesagt: Wer schon in der Schule eine höhere Lernmotivation berichtete, berichtete im Durchschnitt auch im Studium eine höhere Lernmotivation.
Der Zusammenhang ist zwar nicht besonders stark, aber statistisch signifikant. Auch hier konnten die Schüler:innen ihre Hypothese bestätigen.
Und wenn die Daten keine eindeutige Antwort geben?
Die fünfte Forschungsgruppe beschäftigte sich mit einem Thema, das wohl kaum aktueller sein könnte: Bewerten weibliche Studierende den Einfluss sozialer Medien auf Jugendliche negativer als nicht-weibliche Studierende?
Auf den ersten Blick schien der Unterschied klein: Weibliche Studierende kamen im Mittel auf 3,49 Punkte, nicht-weibliche Studierende auf 3,60 Punkte. Der Unterschied betrug lediglich 0,11 Punkte.
Entscheidend war jedoch die statistische Prüfung: Mit einem p-Wert von 0,302 konnte kein statistisch signifikanter Unterschied festgestellt werden.
Die Hypothese konnte deshalb weder bestätigt noch widerlegt werden.
Und genau das ist ebenfalls ein wichtiges Forschungsergebnis: Nicht jede Forschungsfrage lässt sich mit einem klaren „Ja“ oder „Nein“ beantworten. Wissenschaft bedeutet auch, Unsicherheit auszuhalten und Ergebnisse nicht stärker zu interpretieren, als die Daten es erlauben.
Von der Hypothese zur Erkenntnis
Fünf Forschungsgruppen, fünf unterschiedliche Perspektiven und ganz unterschiedliche Ergebnisse: Manche Hypothesen bestätigten sich, andere führten zu überraschenden Befunden – und manchmal blieb die Antwort offen.
Für die Schüler:innen wurde damit erlebbar, was empirische Forschung tatsächlich bedeutet. Sie formulierten eigene Fragen, entwickelten Hypothesen, erhoben Daten, werteten diese aus und mussten sich schließlich kritisch mit ihren eigenen Erwartungen auseinandersetzen.
Aus einer Lehrplaneinheit über Forschungsmethoden wurde so ein echtes kleines Forschungsprojekt – mit echten Teilnehmenden, echten Daten und echten Ergebnissen.