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„Da gibt es echte Einbrüche“

Kehl. An den weiterführenden Schulen sind die schriftlichen Prüfungen der Abschlussklassen mittlerweile gelaufen – natürlich mit Maske, Test und Abstand. An den Beruflichen Schulen Kehl (BSK) ist das fast Alltagsgeschäft: Ein Drittel aller Schüler stehen vor ihrem Abschluss. „Wir haben weit über 50 Prüfungsereignisse mit insgesamt 450 Prüflingen“, sagt der Leiter der BSK, Helge Orlowski. „Da bin ich froh, dass wir die Kreissporthalle zur Verfügung haben.“

Metaller, angehende Speditionskaufleute und Bäcker brüten gemeinsam in der großen Halle über ihren Aufgaben, andere, die zu einer Risikogruppe gehören, schreiben einzeln in verschiedenen Räumen auf dem weitläufigen Areal der Beruflichen Schulen.

Die Prüfungen sind eine logistische Herausforderung – wie die Testerei. Mindestens 2000 Schnelltests werden an den BSK in der Woche gebraucht, zwei Tests pro Schüler und Woche sind vorgeschrieben. Da gilt es zu tüfteln: Manche Berufsschüler sind drei Wochen am Stück da, andere an zwei Tagen in der Woche. Die Testkits werden am Vortag im Klassenset im Lehrerzimmer gerichtet – und wenn Schüler den Bus verpassen oder später kommen, müssen sie nachgetestet werden, eine Aufgabe, die dann meist dem Stellvertreter zufällt: „Ich habe immer 20 Testkits im Schreibtisch“, sagt Helge Orlowski.

Skurril wird es, wenn die Schüler beispielsweise montags und dienstags in der Berufsschule sind. Auch wenn ein negativer Test 60 Stunden gültig ist, muss dennoch an beiden Tagen getestet werden. „Da fragen mich die Schüler natürlich, was das soll?“, sagt Orlowski. „Das trägt nicht gerade zur Akzeptanz bei.“

Die Diskussion, die Maskenpflicht in der Schule zu lockern, sieht er kritisch. Die Gefahr sei noch nicht gebannt, wie Großbritanniens steigende Inzidenzzahlen zeigten. „Ich habe Landesfachklassen mit Schülern aus vielen verschiedenen Landkreisen“, sagt er. Auch die Gastro- und Hotelazubis aus dem Europapark gehen in Kehl zur Schule. „Was, wenn die das Virus in den Park tragen?“, fragt er. Es habe sich mittlerweile eine gewisse Sorglosigkeit breitgemacht, was am rapide sinkenden Desinfektionsmittelverbrauch abzulesen sei.

Ein Gutes kann Orlowski der Pandemie jedoch abgewinnen: „In Sachen Digitalisierung hat uns Corona ziemlich weit nach vorne gebracht.“ Dabei ist er voll des Lobes für den Landkreis, der die beruflichen Schulen gut unterstützt, ihnen aber auch große Freiheiten gelassen habe. So verfügen die Beruflichen Schulen Kehl jetzt über ein streamingfähiges Klassenzimmer – und den Einsatz von iPads im Praxisunterricht der Bäcker hätte es ohne Corona sicher nicht gegeben, meint er: „Das ist ein ganz anderer Unterricht.“ Vieles, was aus der Not heraus geboren wurde, werde bleiben.

Inwieweit sich die Pandemie auf die Schülerzahlen auswirkt, vermag Orlowski noch nicht zu sagen. Zu groß sind die Unsicherheiten. Es fehlen Anmeldungen aus Bereichen, die vom Lehrlingsmangel sonst nicht betroffen sind, wie zum Beispiel der Metallbranche. „Es macht sich deutlich bemerkbar, dass die Schüler in den letzten zwei Jahren wegen der Pandemie keine Betriebspraktika machen konnten“, sagt er. „Da gibt es echte Einbrüche.“

Schwierig sei es vor allem im Bereich Nahrung. Fleischer, Bäcker und Konditor seien zwar „phänomenale Berufe“, hätten aber ein schlechtes Image. Dabei seien das krisensichere Arbeitsplätze: Gerade die Pandemie habe gezeigt, dass die kleinen Betriebe, die Wert auf Handwerk und Qualität legen, im Aufwind seien, so Orlowski. Und wer sich einmal für den Beruf entschieden habe, bleibe in der Regel auch dabei, das zeigten die niedrigen Abbrecherquoten.

Engagierte Lehrkräfte

Lob zollt er den Ausbildungsbetrieben, die ihre Auszubildenden behalten haben, obwohl sie während des Lockdowns nicht beschäftigt werden konnten, und seinen Lehrkräften, die sich sehr engagiert haben. Manche Klassen wurden auch während des Lockdowns in Präsenz beschult. Hier nutzte Orlowski die Ausnahmeregelungen für „nicht erreichbare Schüler“. „Damit habe ich mir manchen Ärger eingehandelt“, sagt er. „Aber die Klientel in Kehl ist einfach anders. Wir haben teilweise Schüler von 15 Nationen in einer Klasse, die hätten wir sonst verloren.“

von Nina Saam, Mittelbadische Presse, Kehler Zeitung, Mittwoch, 30. Juni 2021

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